Nicht anti-Versicherung, sondern anti-Komplexität: Die Gen Z und ihre Altersvorsorge
Die Generation Z wird in der Altersvorsorge gerade zur Projektionsfläche. Mal heißt es, sie sei zu sorglos für die Rente. Mal, sie traue Versicherern nicht mehr über den Weg und flüchte nur noch in ETFs. In unserer IVFP-Stichprobe mit jungen Menschen (1995–2010) steckt ein anderes, viel spannenderes Muster: Die Gen Z ist nicht gegen Altersvorsorge. Sie ist gegen Altersvorsorge, die sich anfühlt wie ein Fremdsprachentest. Nicht der Image-Graben ist das Kernproblem, sondern der Komplexitäts-Graben.
Was uns in den Antworten sofort auffällt, ist kein Mangel an Problembewusstsein, sondern ein Überfluss an Widersprüchen: Viele sagen, Vorsorge sei ihnen wichtig – und gleichzeitig fühlen sie sich schlecht informiert. Das ist kein Paradox, sondern Selbstbeschreibung einer Generation, die seit der Schulzeit hört, dass die gesetzliche Rente wackelt, aber nie gelernt hat, wie man pragmatisch ins Handeln kommt. „Wichtig“ ist das Thema also längst. Nur der Weg dorthin ist für viele Nebel.
Genau dieser Nebel hat einen Namen: Komplexität. Klassische Vorsorgeprodukte werden in unserer Stichprobe als schwer verständlich erlebt. Und wenn etwas schwer verständlich ist, passiert in der Lebensphase zwischen Abi, Studium, erster Job und Identitätssuche etwas sehr Menschliches: Man schiebt es weg. Der häufigste Grund gegen einen Abschluss ist nicht „zu teuer“ oder „zu wenig Vertrauen“, sondern schlicht: „Ich beschäftige mich gerade nicht damit.“ Das ist kein Vorwurf an junge Menschen. Das ist ein Hinweis an uns alle, wie real ihr Alltag ist. Altersvorsorge konkurriert in diesen Jahren nicht mit anderen Finanzprodukten – sie konkurriert mit dem Leben.
Und ja: ETFs sind für viele die Logik, die sofort greift. Nicht, weil Versicherer per se „uncool“ wären, sondern weil ETFs für Dinge stehen, die der Gen Z selbstverständlich sind: niedrigere Kosten, vermeintlich klare Regeln, digitale Zugänglichkeit, jederzeitige Anpassbarkeit. In den offenen Antworten wiederholt sich ein Wunschbild immer wieder, egal wie unterschiedlich die Formulierungen sind: „Ich will es verstehen. Ich will wissen, was es kostet. Ich will flexibel bleiben. Und ich will trotzdem das Gefühl haben, dass mein späteres Ich nicht ins Leere läuft.“ Wenn man das zusammenzieht, lautet die Übersetzung: ETF-Sparen – aber bitte mit Schutzplanke.
Und damit sind wir mitten im politischen Kern. Altersvorsorgedepot und Frühstart-Rente – diese Begriffe sind in der Öffentlichkeit noch sperrig, aber die Idee dahinter ist für die Gen Z erstaunlich anschlussfähig. In unserer Stichprobe sehen wir: Ein staatlich gerahmtes, einfaches Standardangebot kann vor allem die erreichen, die bisher gar nicht investieren. Also genau jene Gruppe, die heute durch die Raster fällt, weil sie nicht „gegen Vorsorge“ ist, sondern vor dem Einstieg zurückschreckt. Hier liegt die Chance politischer Reformen: nicht Ersatz für den Markt, sondern Startknopf für die, die ohne Startknopf nicht loslaufen.
Aus IVFP-Sicht ist das die eigentliche Botschaft dieser Stichprobe: Die Diskussion dreht sich zu oft um Vertrauen – dabei ist Verständlichkeit der Hebel. Vertrauen entsteht nicht, indem man „Rente“ draufschreibt, sondern indem man Produkte so gestaltet, dass sie sich im Alltag erklären lassen. Ein Altersvorsorgedepot wird nur funktionieren, wenn es nicht wie ein neues Fachwort klingt, sondern wie eine Einladung: simpel, digital, transparent, flexibel – und mit einer Risikoarchitektur, die ohne Finanzstudium nachvollziehbar ist. Dasselbe gilt für alle Marktangebote, die diese Generation gewinnen wollen.
Die Gen Z wartet nicht darauf, dass man sie von Vorsorge überzeugt. Sie wartet darauf, dass Vorsorge endlich so aussieht, wie ihr Leben funktioniert. Wenn Politik und Anbieter das ernst nehmen, wird aus „Ich weiß, ich müsste“ ein „Ich hab’s gemacht“. Und genau das ist jetzt der Maßstab, an dem wir Reformen und Produkte messen sollten.
